1.Was diese Seite erklärt
Der Perfektinfinitiv drückt aus, dass die Handlung einer Infinitivkonstruktion vor dem Zeitpunkt der übergeordneten Aussage liegt.
Die Grundformen sind:
Partizip II + zu haben
Partizip II + zu sein
Typische Beispiele:
gemacht zu haben
gesehen zu haben
gegangen zu sein
angekommen zu sein
Auf B2 ist diese Form besonders wichtig in Aussagen über Erinnerung, Behauptung, Vermutung, Hoffnung, Wahrnehmung und scheinbare Zustände.
Er behauptet, den Bericht bereits gelesen zu haben.
Sie glaubt, den Schlüssel verloren zu haben.
Er scheint schon nach Hause gegangen zu sein.
2.Die Kernbedeutung: Vorzeitigkeit
Der Perfektinfinitiv ist relativ. Er bezeichnet keine bestimmte Kalenderzeit, sondern eine Handlung, die vor dem Bezugszeitpunkt liegt.
übergeordnete Aussage
→ Bezugspunkt
Perfektinfinitiv
→ davor
Der Bezugspunkt kann in Gegenwart oder Vergangenheit liegen.
Sie sagt, den Vertrag schon unterschrieben zu haben.
Sie sagte, den Vertrag schon unterschrieben zu haben.
Wir glauben, die Ursache gefunden zu haben.
3.Normaler Infinitiv vs. Perfektinfinitiv
Der normale zu-Infinitiv beschreibt häufig eine gleichzeitige oder nachfolgende Handlung. Der Perfektinfinitiv markiert dagegen Vorzeitigkeit.
Er hofft, die Prüfung zu bestehen.
→ Bestehen liegt noch vor ihm.
Er hofft, die Prüfung bestanden zu haben.
→ Er glaubt/hofft, dass sie bereits erfolgreich war.
Sie hofft, die Prüfung zu bestehen.
Sie hofft, die Prüfung bestanden zu haben.
Er versucht, den Fehler zu finden.
Er behauptet, den Fehler bereits gefunden zu haben.
4.Die Form mit haben
Verben, die im Perfekt haben verwenden, bilden den Perfektinfinitiv mit:
Partizip II + zu haben
Beispiele:
machen → gemacht zu haben
lesen → gelesen zu haben
sehen → gesehen zu haben
vergessen → vergessen zu haben
Ich glaube, die Nachricht verstanden zu haben.
Er behauptet, den Fehler nicht bemerkt zu haben.
Sie bedauert, den Termin vergessen zu haben.
5.Die Form mit sein
Verben, die im Perfekt sein verwenden, bilden den Perfektinfinitiv mit:
Partizip II + zu sein
Typisch sind viele Bewegungs- und Zustandswechselverben.
gehen → gegangen zu sein
ankommen → angekommen zu sein
einschlafen → eingeschlafen zu sein
bleiben → geblieben zu sein
Er scheint schon angekommen zu sein.
Sie behauptet, rechtzeitig gegangen zu sein.
Ich glaube, während des Films eingeschlafen zu sein.
6.Wie man haben oder sein wählt
Die Wahl folgt denselben Regeln wie im Perfekt.
Ich habe den Bericht gelesen.
→ den Bericht gelesen zu haben
Ich bin nach Hause gegangen.
→ nach Hause gegangen zu sein
Der Perfektinfinitiv schafft also kein neues Hilfsverbsystem; er übernimmt das bekannte Perfektmuster.
Sie glaubt, alles richtig gemacht zu haben.
Er scheint früh aufgestanden zu sein.
Wir hoffen, nichts Wichtiges vergessen zu haben.
7.zu steht vor haben oder sein
Im Perfektinfinitiv steht zu nicht vor dem Partizip II, sondern vor dem Hilfsverb im Infinitiv:
gemacht zu haben
gegangen zu sein
Das Partizip II bleibt unverändert.
Er behauptet, alles erklärt zu haben.
Sie scheint früh gegangen zu sein.
Ich glaube, die Datei gespeichert zu haben.
8.Perfektinfinitiv mit trennbaren Verben
Bei trennbaren Verben wird das Partizip II normal gebildet. zu steht weiterhin vor haben oder sein.
anrufen → angerufen zu haben
aufstehen → aufgestanden zu sein
vorbereiten → vorbereitet zu haben
Sie behauptet, mich gestern angerufen zu haben.
Er glaubt, sehr früh aufgestanden zu sein.
Wir hoffen, alles gut vorbereitet zu haben.
9.Perfektinfinitiv mit untrennbaren Verben
Auch untrennbare Verben bilden ihr Partizip II wie gewohnt.
verstehen → verstanden zu haben
bezahlen → bezahlt zu haben
erreichen → erreicht zu haben
Der Aufbau des Perfektinfinitivs bleibt unverändert.
Er meint, die Aufgabe verstanden zu haben.
Sie behauptet, die Rechnung bereits bezahlt zu haben.
Wir glauben, unser Ziel erreicht zu haben.
10.Perfektinfinitiv mit Verben auf -ieren
Verben auf -ieren bilden das Partizip II ohne ge-.
organisieren → organisiert zu haben
analysieren → analysiert zu haben
passieren → passiert zu sein
Die bekannte Partizipregel bleibt also erhalten.
Sie glaubt, die Veranstaltung gut organisiert zu haben.
Er behauptet, alle Daten analysiert zu haben.
Es scheint etwas Unerwartetes passiert zu sein.
11.Perfektinfinitiv nach behaupten
behaupten ist ein typischer Auslöser, wenn eine Person sagt, eine frühere Handlung ausgeführt zu haben.
Er behauptet, ...
Der Perfektinfinitiv vermeidet dabei einen zusätzlichen dass-Satz und wirkt kompakt.
Er behauptet, die E-Mail nie erhalten zu haben.
Sie behauptet, rechtzeitig informiert worden zu sein.
Der Zeuge behauptet, niemanden gesehen zu haben.
12.Perfektinfinitiv nach glauben und meinen
Mit glauben und meinen kann eine Person ihre Einschätzung über eine eigene frühere Handlung ausdrücken.
Ich glaube, ...
Ich meine, ...
Der Inhalt wird als Einschätzung, nicht als objektiv bestätigte Tatsache präsentiert.
Ich glaube, alle wichtigen Punkte erwähnt zu haben.
Sie meint, den Fehler bereits korrigiert zu haben.
Wir glauben, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.
13.Perfektinfinitiv nach hoffen
hoffen kann sich nicht nur auf Zukünftiges beziehen. Mit Perfektinfinitiv bedeutet es oft: Das Ereignis ist wahrscheinlich schon vorbei, aber das Ergebnis ist noch nicht sicher bekannt.
Ich hoffe, bestanden zu haben.
Die Prüfung ist vorbei; das Resultat ist noch offen.
Ich hoffe, die Prüfung bestanden zu haben.
Wir hoffen, keine wichtigen Details übersehen zu haben.
Sie hofft, einen guten Eindruck gemacht zu haben.
14.Perfektinfinitiv nach bedauern
Mit bedauern wird eine frühere Handlung oder Unterlassung bewertet.
Der Perfektinfinitiv ist hier besonders logisch, weil der Grund des Bedauerns bereits geschehen ist.
Er bedauert, so spät reagiert zu haben.
Sie bedauert, die Gelegenheit nicht genutzt zu haben.
Wir bedauern, Ihnen nicht früher geantwortet zu haben.
15.Perfektinfinitiv nach sich erinnern
Auch Erinnerungen können mit einem Perfektinfinitiv verbunden werden, wenn die Konstruktion idiomatisch passt.
Häufig ist allerdings ein dass-Satz oder sich daran erinnern, ... stilistisch ebenso natürlich. Auf B2 ist daher nicht nur Grammatik, sondern auch idiomatische Wahl wichtig.
Ich erinnere mich daran, ihn schon einmal getroffen zu haben.
Sie erinnert sich daran, diese Straße früher oft entlanggegangen zu sein.
Wir erinnern uns daran, das Thema bereits diskutiert zu haben.
16.Perfektinfinitiv mit scheinen
Mit scheinen beschreibt der Perfektinfinitiv einen früheren Vorgang, der aus aktueller oder erzählter Perspektive so wirkt, als sei er geschehen.
Er scheint gegangen zu sein.
Die Aussage markiert Distanz und Unsicherheit.
Er scheint die Nachricht missverstanden zu haben.
Sie scheint bereits gegangen zu sein.
Das Problem scheint schon früher aufgetreten zu sein.
17.scheinen + Perfektinfinitiv und Informationsquelle
Mit scheinen wird häufig eine Schlussfolgerung aus Indizien formuliert, ohne eine Quelle ausdrücklich zu nennen.
Das ist nützlich in analytischen Texten, sollte aber nicht mit sicherer Faktendarstellung verwechselt werden.
Die Nachfrage scheint stärker gestiegen zu sein als erwartet.
Mehrere Teilnehmer scheinen die Frage unterschiedlich verstanden zu haben.
Der Fehler scheint bereits beim Import entstanden zu sein.
18.Das unausgesprochene Subjekt
Ein Infinitivsatz hat normalerweise kein eigenes ausgedrücktes Subjekt. Trotzdem ist inhaltlich klar, wer die Handlung des Perfektinfinitivs ausgeführt hat.
Oft ist diese Person mit dem Subjekt des übergeordneten Satzes identisch:
Er behauptet, den Bericht gelesen zu haben.
→ Er hat den Bericht gelesen.
Diese Beziehung muss beim Verstehen immer mitgedacht werden.
Sie glaubt, alles richtig erklärt zu haben.
Er behauptet, den Termin rechtzeitig abgesagt zu haben.
Wir hoffen, niemanden übersehen zu haben.
19.Das Subjekt kann von einem Objekt gesteuert werden
Nicht immer ist das Subjekt des Infinitivsatzes mit dem Hauptsatzsubjekt identisch. Bei bestimmten Verben kann ein Objekt die handelnde Person im Infinitivsatz bestimmen.
Sie beschuldigt ihn, gelogen zu haben.
→ Er hat gelogen.
Das ist ein wichtiger B2-Schritt: Die grammatische Beziehung hängt vom Auslöser ab.
Sie beschuldigt ihn, wichtige Informationen verschwiegen zu haben.
Wir danken Ihnen, so schnell reagiert zu haben.
Die Firma wirft dem Anbieter vor, die Frist nicht eingehalten zu haben.
20.Vom Perfektinfinitiv zum dass-Satz
Viele Perfektinfinitive lassen sich mit einem dass-Satz paraphrasieren.
Er behauptet, den Bericht gelesen zu haben.
→ Er behauptet, dass er den Bericht gelesen hat.
Der dass-Satz nennt das Subjekt ausdrücklich; der Infinitivsatz ist kompakter.
Sie glaubt, den Schlüssel verloren zu haben.
Sie glaubt, dass sie den Schlüssel verloren hat.
Er bedauert, zu spät gekommen zu sein.
Er bedauert, dass er zu spät gekommen ist.
21.Wann der dass-Satz klarer ist
Ein dass-Satz ist oft besser, wenn unklar wäre, wer die Handlung ausgeführt hat, oder wenn mehrere Personen beteiligt sind.
B2 bedeutet nicht maximale Verkürzung, sondern klare Referenz.
Sie sagte, dass ihr Kollege die Datei gelöscht hatte.
ist eindeutiger als eine Infinitivkonstruktion, wenn der Handelnde nicht dieselbe Person ist.
Sie erklärte, dass ihr Kollege den Bericht vorbereitet hatte.
Wir erfuhren, dass die Leitung den Termin bereits verschoben hatte.
Er sagte, dass seine Assistentin die Unterlagen versendet hatte.
22.Zeitbezug mit übergeordnetem Präsens
Steht die übergeordnete Aussage im Präsens, bezeichnet der Perfektinfinitiv normalerweise eine davor liegende Vergangenheit.
Er sagt jetzt,
→ vorher: gelesen zu haben
Die genaue Zeit ergibt sich aus Kontext und Zeitangaben.
Er sagt, den Bericht gestern gelesen zu haben.
Sie glaubt, vor einer Stunde angekommen zu sein.
Wir hoffen, die wichtigsten Fragen bereits geklärt zu haben.
23.Zeitbezug mit übergeordnetem Präteritum
Liegt der Bezugspunkt selbst in der Vergangenheit, bezeichnet der Perfektinfinitiv etwas noch Früheres.
Er sagte damals,
→ davor: den Bericht gelesen zu haben
In einer dass-Paraphrase entspricht das häufig Plusquamperfekt.
Er sagte, den Bericht schon am Vortag gelesen zu haben.
Sie erklärte, bereits vor Beginn der Sitzung angekommen zu sein.
Der Zeuge behauptete, das Fahrzeug früher schon gesehen zu haben.
24.Perfektinfinitiv und Plusquamperfekt vergleichen
Beide können Vorzeitigkeit ausdrücken, aber in unterschiedlichen Strukturen.
Infinitiv:
Er sagte, den Bericht gelesen zu haben.
dass-Satz:
Er sagte, dass er den Bericht gelesen hatte.
Der Perfektinfinitiv ist nicht selbst „Plusquamperfekt“; er erhält seine Zeitrelation aus dem übergeordneten Satz.
Sie meinte, alles erklärt zu haben.
Sie meinte, dass sie alles erklärt hatte.
Er behauptete, schon gegangen zu sein.
Er behauptete, dass er schon gegangen war.
25.Zeitangaben im Perfektinfinitiv
Zeitangaben stehen innerhalb der Infinitivgruppe und präzisieren die Vorzeitigkeit.
Typisch sind:
gestern
bereits
schon
vorher
am Vortag
vor zwei Wochen
bis dahin
Sie stehen vor der abschließenden Verbgruppe.
Er behauptet, den Bericht bereits am Montag abgeschickt zu haben.
Sie scheint schon vor einer Stunde gegangen zu sein.
Wir glauben, das Problem bis dahin gelöst zu haben.
26.Negation mit nicht
nicht steht innerhalb der Infinitivgruppe vor dem Teil, der negiert wird. Sehr häufig wird die ganze frühere Handlung negiert.
den Termin nicht vergessen zu haben
nicht zu spät gekommen zu sein
Die Stellung richtet sich nach den allgemeinen Fokusregeln der Negation.
Sie behauptet, die Nachricht nicht erhalten zu haben.
Er ist sicher, keinen Fehler gemacht zu haben.
Sie scheint nicht rechtzeitig angekommen zu sein.
27.Negation mit kein
Wenn ein Nomen mit unbestimmtem Artikel negiert wird, steht häufig kein innerhalb der Infinitivgruppe.
keinen Fehler gemacht zu haben
keine Nachricht erhalten zu haben
Er glaubt, keinen Fehler gemacht zu haben.
Sie behauptet, keine Warnung erhalten zu haben.
Wir hoffen, keine wichtigen Daten verloren zu haben.
28.Objekte und Ergänzungen
Objekte und Präpositionalergänzungen stehen vor Partizip II + zu haben/sein.
den Vertrag unterschrieben zu haben
mit dem Kunden gesprochen zu haben
an der Sitzung teilgenommen zu haben
Die Rektion des ursprünglichen Verbs bleibt unverändert.
Sie behauptet, mit dem Kunden gesprochen zu haben.
Er glaubt, an der Sitzung teilgenommen zu haben.
Wir bedauern, auf Ihre Anfrage so spät reagiert zu haben.
29.Reflexive Verben
Reflexive Verben behalten ihr Reflexivpronomen innerhalb der Infinitivgruppe.
sich entschieden haben
→ sich entschieden zu haben
sich geirrt haben
→ sich geirrt zu haben
Das Reflexivpronomen bezieht sich auf das verstandene Subjekt des Infinitivsatzes.
Sie glaubt, sich richtig entschieden zu haben.
Er gibt zu, sich geirrt zu haben.
Wir hoffen, uns klar ausgedrückt zu haben.
30.Modaladverbien innerhalb der Infinitivgruppe
Adverbien können die frühere Handlung genauer bewerten oder beschreiben.
wahrscheinlich
absichtlich
versehentlich
richtig
vollständig
Sie stehen im Mittelfeld der Infinitivgruppe.
Er behauptet, die Datei versehentlich gelöscht zu haben.
Sie glaubt, die Aufgabe vollständig verstanden zu haben.
Wir hoffen, die Situation richtig eingeschätzt zu haben.
31.Längere Mittelfelder
Auf B2 können mehrere Angaben vor der abschließenden Verbgruppe stehen.
Er behauptet,
den Bericht
bereits am Montag
an die zuständige Stelle
geschickt zu haben.
Die Gruppe bleibt verständlich, wenn ihre innere Struktur klar ist.
Er behauptet, den Bericht bereits am Montag an die zuständige Stelle geschickt zu haben.
Sie glaubt, die wichtigsten Punkte während des ersten Gesprächs klar erklärt zu haben.
Wir hoffen, alle notwendigen Informationen rechtzeitig zur Verfügung gestellt zu haben.
32.Wann eine lange Infinitivgruppe schwer lesbar wird
Je mehr Ergänzungen zwischen Auslöser und zu haben/sein stehen, desto schwieriger kann die Verarbeitung werden.
Dann ist ein dass-Satz oft stilistisch besser. Gute B2-Sprache verdichtet Informationen nur so weit, wie die Klarheit erhalten bleibt.
Sie erklärte, dass sie die Unterlagen bereits am Vortag an alle Beteiligten verschickt hatte.
Er sagte, dass er die Entscheidung nach mehreren Gesprächen bewusst getroffen hatte.
Wir glauben, dass wir alle relevanten Risiken berücksichtigt haben.
33.Perfektinfinitiv Passiv: Grundform
Auch eine abgeschlossene passive Handlung kann als Perfektinfinitiv stehen.
Die Form lautet:
Partizip II + worden zu sein
Beispiel:
informiert worden zu sein
Sie entspricht einem Perfekt Passiv wie ist informiert worden.
Sie behauptet, rechtzeitig informiert worden zu sein.
Er glaubt, falsch verstanden worden zu sein.
Die Daten scheinen bereits gelöscht worden zu sein.
34.Warum worden und nicht geworden
Im Perfekt des Vorgangspassivs steht worden:
Der Bericht ist veröffentlicht worden.
→ veröffentlicht worden zu sein
geworden gehört dagegen zum Vollverb werden im Sinn von „zu etwas werden“:
Er ist müde geworden.
→ müde geworden zu sein
Diese Unterscheidung ist auf B2 besonders wichtig.
Der Bericht scheint gestern veröffentlicht worden zu sein.
Er scheint in den letzten Monaten ruhiger geworden zu sein.
Die Entscheidung soll bereits getroffen worden sein.
35.Perfektinfinitiv Passiv mit scheinen
Mit scheinen ist der passive Perfektinfinitiv besonders nützlich: Eine frühere Handlung wird als wahrscheinlich oder aus Indizien erschlossen dargestellt.
scheint + Partizip II + worden zu sein
Die Datei scheint versehentlich gelöscht worden zu sein.
Der Vertrag scheint bereits unterschrieben worden zu sein.
Mehrere Teilnehmer scheinen nicht rechtzeitig informiert worden zu sein.
36.Perfektinfinitiv des Vollverbs sein
Auch sein selbst hat einen Perfektinfinitiv:
gewesen zu sein
Damit kann ein früherer Zustand aus einer späteren Perspektive beschrieben werden.
Er behauptet, damals krank gewesen zu sein.
Sie scheint mit der Entscheidung zufrieden gewesen zu sein.
Ich glaube, bei diesem Gespräch nicht dabei gewesen zu sein.
37.Perfektinfinitiv des Vollverbs haben
Auch Vollverb haben kann als Perfektinfinitiv erscheinen:
gehabt zu haben
Die doppelte Form wirkt zunächst ungewohnt, ist aber grammatisch normal.
Sie behauptet, keine andere Möglichkeit gehabt zu haben.
Er glaubt, damals mehr Zeit gehabt zu haben.
Wir bedauern, nicht genügend Informationen gehabt zu haben.
38.Perfektinfinitiv nach Adjektiven
Auch Adjektive können einen Perfektinfinitiv auslösen, wenn ein früheres Ereignis bewertet wird.
Typisch sind:
froh sein
stolz sein
erleichtert sein
überrascht sein
Die Infinitivgruppe beschreibt dann, was vorher geschehen ist.
Ich bin froh, rechtzeitig gekommen zu sein.
Sie ist stolz darauf, das Projekt erfolgreich abgeschlossen zu haben.
Wir sind erleichtert, eine Lösung gefunden zu haben.
39.Korrelate wie darauf und darüber
Einige Ausdrücke verbinden sich gern mit einem Korrelat:
stolz darauf sein, ...
sich darüber freuen, ...
enttäuscht darüber sein, ...
Das Korrelat kündigt die folgende Infinitivgruppe an und macht die Satzstruktur klarer.
Sie ist stolz darauf, die schwierige Aufgabe allein gelöst zu haben.
Er freut sich darüber, die Prüfung bestanden zu haben.
Wir sind enttäuscht darüber, so wenig Unterstützung erhalten zu haben.
40.Weitere typische Auslöser: zugeben, bestreiten, vorgeben
Mehrere Verben eignen sich besonders für Aussagen über eine abgeschlossene frühere Handlung:
zugeben
→ eingestehen
bestreiten
→ sagen, dass etwas nicht geschehen ist
vorgeben
→ behaupten / so tun, als ob
Der Perfektinfinitiv macht solche Aussagen kompakt.
Er gibt zu, den Termin vergessen zu haben.
Sie bestreitet, vertrauliche Daten weitergegeben zu haben.
Er gibt vor, von dem Problem nichts gewusst zu haben.
41.vorwerfen und beschuldigen
Mit vorwerfen und beschuldigen wird einer anderen Person eine frühere Handlung zugeschrieben.
jemandem vorwerfen, etwas getan zu haben
jemanden beschuldigen, etwas getan zu haben
Hier wird das unausgesprochene Subjekt des Infinitivs durch das Objekt bestimmt.
Man wirft ihm vor, wichtige Informationen zurückgehalten zu haben.
Die Behörde beschuldigt das Unternehmen, gegen die Regeln verstoßen zu haben.
Sie wirft ihrem Kollegen vor, die Frist ignoriert zu haben.
42.Perfektinfinitiv nach ohne
ohne ... zu kann mit Perfektinfinitiv ausdrücken, dass eine frühere Handlung nicht stattgefunden hat, bevor die Haupthandlung erfolgte.
ohne etwas gesagt zu haben
ohne sich verabschiedet zu haben
Das verstandene Subjekt ist normalerweise dasselbe wie im Hauptsatz.
Er ging, ohne sich verabschiedet zu haben.
Sie unterschrieb den Vertrag, ohne ihn vollständig gelesen zu haben.
Wir trafen die Entscheidung, ohne alle Beteiligten gefragt zu haben.
43.Perfektinfinitiv nach (an)statt
Auch (an)statt ... zu kann sich auf eine bereits relevante Alternative beziehen.
anstatt etwas geprüft zu haben
statt rechtzeitig gekommen zu sein
Solche Sätze sind möglich, wirken aber oft markierter als einfache Infinitivkonstruktionen. Der Kontext muss die zeitliche Logik klar machen.
Anstatt die Daten vorher geprüft zu haben, begann das Team sofort mit der Präsentation.
Statt rechtzeitig gekommen zu sein, erschien er erst nach Beginn der Sitzung.
Statt den Bericht bereits fertiggestellt zu haben, begann er erst am Tag vor der Frist mit der letzten Überarbeitung.
44.Kommas beim Perfektinfinitiv
Für Perfektinfinitive gelten die normalen Kommaregeln für Infinitivgruppen.
Ein Komma ist insbesondere nötig, wenn die Gruppe:
mit um, ohne, statt, anstatt, außer, als eingeleitet wird,
von einem Nomen abhängt,
durch ein Korrelat angekündigt wird.
In anderen Fällen kann ein Komma je nach Struktur optional sein; bei längeren B2-Gruppen verbessert es häufig die Lesbarkeit.
Er ging, ohne ein Wort gesagt zu haben.
Sie ist stolz darauf, die Prüfung bestanden zu haben.
Er äußerte den Wunsch, früher informiert worden zu sein.
45.Perfektinfinitiv nach einem Nomen
Auch Nomen können eine Infinitivgruppe näher bestimmen.
Typisch sind abstrakte Nomen wie:
die Hoffnung
die Behauptung
der Eindruck
die Erinnerung
Nicht jede Nominalverbindung ist gleich idiomatisch; häufig konkurriert die Infinitivgruppe mit einem dass-Satz.
Die Hoffnung, die Prüfung bestanden zu haben, ließ ihn nicht los.
Seine Behauptung, rechtzeitig informiert worden zu sein, wurde überprüft.
Der Eindruck, etwas Wichtiges vergessen zu haben, blieb den ganzen Tag.
46.Perfektinfinitiv und Passiv: Prozess vs. Zustand
worden zu sein beschreibt einen abgeschlossenen Vorgang. Ein Partizip II mit einfachem zu sein kann dagegen einen Zustand ausdrücken.
informiert worden zu sein
→ der Informationsvorgang hat stattgefunden
informiert gewesen zu sein
→ der Zustand „informiert“ bestand
Diese Bedeutungen können sich überschneiden, sind aber nicht identisch.
Sie behauptet, rechtzeitig informiert worden zu sein.
Sie glaubt, damals gut informiert gewesen zu sein.
Der Raum scheint bereits gereinigt worden zu sein.
47.geworden zu sein: Veränderung
Mit geworden zu sein wird eine frühere Veränderung ausgedrückt.
müde geworden zu sein
größer geworden zu sein
ruhiger geworden zu sein
Das ist kein Passiv, sondern der Perfektinfinitiv des Vollverbs werden.
Er scheint im Laufe des Tages müde geworden zu sein.
Die Stadt scheint in den letzten Jahren deutlich größer geworden zu sein.
Sie glaubt, durch die Erfahrung selbstständiger geworden zu sein.
48.Analytischer Stil mit scheinen
In Berichten und Analysen erlaubt scheinen + Perfektinfinitiv, eine Schlussfolgerung vorsichtig zu formulieren.
Die Form ist nützlich, wenn Indizien vorhanden sind, aber eine direkte Bestätigung fehlt.
Sie sollte nicht verwendet werden, um eine sichere Tatsache künstlich unsicher erscheinen zu lassen.
Die Nachfrage scheint im letzten Quartal deutlich gestiegen zu sein.
Die Maßnahme scheint nicht die erwartete Wirkung gehabt zu haben.
Mehrere Fehler scheinen bereits vor dem Update entstanden zu sein.
49.Typische Fehler
1. zu vor das Partizip setzen
Richtig ist gemacht zu haben, nicht eine Form mit zu vor gemacht.
2. haben und sein neu raten
Die Wahl folgt dem normalen Perfekt.
3. Vorzeitigkeit vergessen
zu machen und gemacht zu haben haben nicht dieselbe Zeitrelation.
4. Das unausgesprochene Subjekt falsch zuordnen
Bei Verben wie beschuldigen oder vorwerfen kann ein Objekt die handelnde Person im Infinitiv bestimmen.
5. worden und geworden verwechseln
Passivperfekt: informiert worden; Veränderung: müde geworden.
6. Zu lange Infinitivgruppen bauen
Ein dass-Satz kann klarer sein.
7. Bei ohne oder (an)statt unterschiedliche Subjekte ignorieren
Diese Infinitivgruppen teilen normalerweise ihr Subjekt mit dem Hauptsatz.
8. Perfektinfinitiv automatisch als „Vergangenheit“ ohne Bezugspunkt verstehen
Die Form ist relativ und bezeichnet Vorzeitigkeit gegenüber der übergeordneten Aussage.
Er behauptet, den Bericht gelesen zu haben.
Sie scheint früh gegangen zu sein.
Der Vertrag scheint bereits unterschrieben worden zu sein.
50.Praktische Analyse in fünf Schritten
Eine Perfektinfinitiv-Konstruktion lässt sich systematisch analysieren:
1. Welches Verb beschreibt die frühere Handlung?
2. Wie lautet sein Partizip II?
3. Bildet es Perfekt mit haben oder sein?
4. Wer ist das verstandene Subjekt?
5. Liegt die Handlung wirklich vor dem Bezugspunkt?
Bei Passiv kommt zusätzlich die Frage hinzu:
Vorgang abgeschlossen?
→ Partizip II + worden zu sein
Ich glaube, die Nachricht verstanden zu haben.
Er scheint rechtzeitig angekommen zu sein.
Sie behauptet, nicht informiert worden zu sein.
51.Mini-Text: Bewerbungsgespräch
Der Text zeigt, wie Perfektinfinitive frühere Erfahrungen aus der Perspektive eines aktuellen Gesprächs zusammenfassen.
Die Bewerberin gibt an, mehrere Jahre im Projektmanagement gearbeitet zu haben.
Sie behauptet außerdem, bereits internationale Teams geleitet zu haben.
Sie scheint sich intensiv auf das Gespräch vorbereitet zu haben.
Am Ende sagt sie, aus früheren Projekten viel gelernt zu haben.
52.Mini-Text: Analyse eines Problems
Hier werden Vermutung, Passiv und Vorzeitigkeit in einem analytischen Zusammenhang verbunden.
Der Fehler scheint bereits vor dem letzten Update entstanden zu sein.
Mehrere Warnmeldungen scheinen nicht rechtzeitig beachtet worden zu sein.
Das Team glaubt, die eigentliche Ursache inzwischen gefunden zu haben.
Die Leitung bedauert, nicht früher reagiert zu haben.
53.Mini-Text: formelle Rückmeldung
Der Perfektinfinitiv eignet sich auch für höfliche und sachliche Rückblicke auf bereits abgeschlossene Vorgänge.
Wir freuen uns, Ihre Rückmeldung erhalten zu haben.
Wir bedauern, Ihnen nicht früher geantwortet zu haben.
Ihre Unterlagen scheinen vollständig eingegangen zu sein.
Wir hoffen, alle offenen Punkte ausreichend geklärt zu haben.
54.Zusammenfassung
Für den Perfektinfinitiv auf B2 sind diese Punkte zentral:
- Die Grundformen sind
Partizip II + zu habenundPartizip II + zu sein. - Die Wahl von
habenoderseinfolgt dem normalen Perfekt. - Der Perfektinfinitiv drückt Vorzeitigkeit gegenüber einem Bezugspunkt aus.
- Bei übergeordnetem Präsens liegt die Infinitivhandlung normalerweise davor in der Vergangenheit.
- Bei übergeordnetem Präteritum kann sie einer noch früheren Vergangenheit entsprechen.
- Ein normaler
zu-Infinitiv und ein Perfektinfinitiv haben unterschiedliche Zeitrelationen. - Typische Auslöser sind
behaupten,glauben,meinen,hoffen,bedauern,zugeben,bestreitenundscheinen. - Das Subjekt des Infinitivs wird meist nicht ausgesprochen und muss aus der übergeordneten Struktur erschlossen werden.
- Bei Verben wie
beschuldigenundvorwerfenkann ein Objekt dieses Subjekt bestimmen. - Ein
dass-Satz ist oft die klarere Alternative, wenn die Referenz kompliziert wird. - Negation, Zeitangaben, Objekte und Präpositionalergänzungen stehen innerhalb der Infinitivgruppe.
- Reflexive Verben behalten ihr Reflexivpronomen.
- Nach
ohneund(an)stattkann ebenfalls ein Perfektinfinitiv stehen. - Für abgeschlossene passive Vorgänge lautet die Form
Partizip II + worden zu sein. - Passives
wordenmuss von lexikalischemgewordenunterschieden werden. gewesen zu seinbeschreibt einen früheren Zustand.geworden zu seinbeschreibt eine frühere Veränderung.- Mit
scheineneignet sich der Perfektinfinitiv besonders für vorsichtige analytische Schlussfolgerungen. - Sehr lange Infinitivgruppen sind nicht automatisch besser als klare
dass-Sätze.
Die Kernformel:
frühere Handlung
→ Partizip II
Perfekt mit haben?
→ Partizip II + zu haben
Perfekt mit sein?
→ Partizip II + zu sein
abgeschlossener Passivvorgang?
→ Partizip II + worden zu sein
Er behauptet, alles erklärt zu haben.
Sie scheint rechtzeitig angekommen zu sein.
Der Bericht scheint bereits veröffentlicht worden zu sein.